Heilpflanzen Kolumne

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Brennnesseldoping - Heilpflanzenkolumne (Teil 3)

Nachlese Kräuterspaziergang vom 04. April 2009

Kulturgeschichtlich war die Brennnessel von großer Bedeutung, da sie zur Gewinnung von Fasern genutzt wurde, aus denen Seile, Schlingen, (Fischer-)Netze, Segel, Garne, feine und grobe Stoffe hergestellt wurden.
Es war eine schwierige und umständliche Arbeit, die fast ausschließlich Frauensache war. Die Frauen spannen in der dunklen Jahreszeit in ihren Stuben nicht nur das Garn, sondern plaudernd und scherzend auch am Schicksal, den Lebensfäden und -mustern der Hofgemeinschaft und Familie. Von Wergulu, wie die Nessel in einem angelsächsischen Kräutersegen aus dem 11. Jahrhundert genannt wird, leitet sich der Begriff Werg = Fasern ab.

Nachdem im 20. Jahrhundert die Herstellung von Nesselstoff vollkommen zum Erliegen gekommen ist, hat sich in den letzten Jahren eine Familie aus Lüchow darum bemüht, diese uralte Tradition wieder aufleben zu lassen. Heute kann man über das Stoffkontor Kranz in Lüchow feines und edles Nesseltuch beziehen.
Das Wort „Nessel“ geht zurück auf das indogermanische Urwort „ne“, was mehrere Bedeutungen mit sich bringt: nähen, nesteln (knüpfen, schnüren), Nestel (Band, Schnürriemen) und das altgermanische Wort nezze (Zwirn). Auch das Wort Nadel bezog sich zuerst einmal auf die stechenden Haare der Nessel.

Aufgrund ihrer Bewaffnung mit feinsten Nadeln, aus denen sie uns unerbittlich schlangen- und bienengiftähnliche Substanzen, Histamin und Ameisensäure unter die Haut spritzt, kann man sie getrost als Kriegerstaude bezeichnen. Mit einem Schlag befördert sie uns ins Hier und Jetzt, ins Dasein. Im „Sein“ sind wir alle, aber wirklich „da-“ und anwesend zu sein ist noch mal etwas anderes. So wie der Krieger und Soldat da-sein muss.

So wurde die Brennnessel von jeher von den alten Botanikern und Alchemisten dem Planetengott Mars zugeordnet. Mars ist der archetypische Krieger und Eroberer, rot und feurig sein Temperament. Die Nessel prahlt nicht mit Blütenpracht, verschwendet sich nicht in Farben, Düften oder Nektar. In strenger Selbstzucht, mit kerzengeradem, vierkantigem Stängel und geordneten, gegenständigen Blattpaaren kommt sie daher wie ein Soldat, mit Spitzen bewaffnet und in grüngrauer Feldtarnfarbe. So viel Männlichkeit zieht wiederum die spielerisch flatternden bunten Farben in Form von Schmetterlingen an, deren Raupen sich mit Vorliebe von den Blättern der Nessel ernähren.

Als Marspflanze ist die Brennnessel dem Element Eisen besonders zugetan, sie ist quasi darauf spezialisiert. Eisen als Baustein der roten Blutkörperchen (wieder die Marsfarbe) hilft, den lebensnotwendigen Sauerstoff zu transportieren und zu speichern. Wem es an diesem Marselement mangelt, der ist blass, lustlos, träge und schlapp. Ähnlich ergeht es willensschwachen Menschen, die sich schwer tun, „ihren irdischen Leib in Besitz zu nehmen“. Mit ihrem Eisen verleiht uns die Brennnessel eine unsichtbare Ritterrüstung, macht uns wach und geistesgegenwärtig.

Spannend ist nun, dass die Molekülstruktur des Hämoglobins (dem roten Blutfarbstoff) identisch ist mit der des Chlorophylls (dem Blattgrün, das die Sonnenenergie auffängt). Der einziger Unterschied besteht darin, dass das Hämoglobin in seiner Mitte ein Eisenatom hat, das Chlorophyll dagegen ein Magnesiumatom.
Das Blattgrün ist quasi ein Spiegelbild des roten Blutfarbstoffes. Rot ist die Komplementärfarbe zu Grün. Das Grün sondert den Sauerstoff ab, den das Rot aufnimmt. Das Grün atmet den Kohlenstoff ein, den das Rot absondert.
Um nicht bleichsüchtig zu werden, besitzen die Pflanzen an anderer Stelle Eisen. So wie tierische Organismen ohne Magnesium nicht existieren können.
Unsere Brennnessel hat nun so viel von dem Marselement Eisen und dazu noch in ihren Nadeln Gifte ähnlich denen von Ameisen und Bienen, dass sie fast etwas Tierhaftes an sich hat. Dieses Eisen und diese Gifte wirken auf uns bewusst machend, helfen uns, ins Dasein zu treten.
Als Ausgleich und Gegenmittel zu diesen tierhaften Elementen gibt sich die Brennnessel in besonderem Maße der Produktion von Chlorophyll = Blattgrün hin. Aufgrund dessen wird sie industriell zu Herstellung von Nahrungsmittelfarbe, z.B. in Zahnpasta und Mundwasser verwendet.

Nun ist es nicht mehr schwer zu erraten, was diese einst heilige und in hohen Ehren gehaltene Pflanze für uns an Schätzen bereithält:

Als Hauptbestandteil der Neunkräutersuppe – nach der Christianisierung Gründonnerstagssuppe – bringt sie die Säfte ins Fließen, leitet die Schlacken des Winters aus, entsäuert das Blut, reinigt und erneuert es, tonisiert und vitalisiert bei Blutarmut und Erschöpfung, kurz: sie erlöst uns aus der Winterstarre, reinigt uns von Altem, Überfälligem, von Aggressionen und gestauten Gefühlen und gibt uns ein gesundes Selbstwertgefühl.
Mit der Vitalität und Lebenskraft dieses frischen Grüns können Südfrüchte, Solarien und Vitaminpillen nicht mithalten…

Die Samen der Brennnessel sind das Immun- und Vitaltonikum schlechthin. Wir haben die Wahl zwischen dem teuren importierten Ginseng und der Brennnessel, die uns draußen auf Schritt und Tritt zu verfolgen scheint (und gelegentlich unsanft auf sich aufmerksam macht). In den mittelalterlichen Klöstern waren Brennnesselsamen strikt verboten.


In unserer allerköstlichsten grünen Soße wurden folgende Frühlingsboten aus der Herschberger Gemarkung verwendet:

Brennnessel (blanchiert)
Giersch / Geisskraut
Schabockskraut
Sauerampfer
Spitzwegerich
Löwenzahn
Brunnenkresse
Vogelmiere
Gundermann (wenig)

Auf unserem Spaziergang sind uns weiterhin begegnet:

Karde, Schafgarbe, Taubnessel, Rainfarn, Beifuß, Goldrute, Ackerschachtelhalm, Storchenschnabel…


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