Heilpflanzen Kolumne

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Heilpflanzen Kolumne

2009-04-21

Wegerich - Unser heimisches Universalspezifikum / Heilpflanzenkolumne (Teil 4)

Nachlese Kräuterspaziergang vom 18. April 2009


Spitzwegerich / Breitwegerich => Hüter der Wege

Wegerich gehörte in früheren Zeiten wegen seines breiten Heil- und Wirkspektrums zu den heiligen Pflanzen. Besonders machtvolle Heilpflanzen bekamen den Ehrentitel „Mutter der Heilkräuter“. So auch der Wegerich, der von den Medizinleuten als Allesheiler angewandt wurde.

Auf unseren Wegen begegnen uns auf Schritt und Tritt Breit- und Spitzwegerich. Der Breitwegerich wächst genau da, wo die Menschen Trampelpfade, Wege und Straßen anlegen. Dort, wo die Erde am meisten verdichtet, festgetrampelt und trocken ist. Der Spitzwegerich dagegen liebt es etwas feuchter und wächst in Wiesen und an den Wegrändern. Die auch in vielen Vornamen vorkommende Endung „–rich“ bedeutet Herrscher, Hüter, Fürst, König. Und weil auf den Straßen und Wegen was los ist, bringt der Wegerich als Hüter der Wege in Hinblick auf Körper, Geist und Seele was in Bewegung! Der wissenschaftliche Name „Plantago“ leitet sich vom lateinischen planta = Fuß und agere = bewegen ab.

Seine Heilwirkung wird auch genau dort, wo er vorkommt, am meisten gebraucht. Für das fahrende Volk, Händler, Reisende, Wanderer und Pilger war er Freund und Beschützer. Wer weit fährt, lebt gefährlich!

Die Wegerichwurzel um den Hals gehängt, schützte vorbeugend vor der Pest, Fieberanfällen, Dämonen und dem Hinken.
Bei Schlangen- und Hundebissen und bei Skorpion- und Insektenstichen kamen seine blutstillenden, antitoxischen, entzündungshemmenden und juckreizlindernden Eigenschaften zum Einsatz.
Bei müden und wunden Füßen war vor allem der Breitwegerich in die Schuhe gelegt das erste Erfrischungs- und Heilmittel und natürlich stets zur Hand.

Aber ganz ursprünglich waren die Wege für die Menschen weniger physischer denn metaphysischer Natur. Die ersten Trampelpfade wurden zu sakralen Zwecken angelegt. Auf diesen Wegen fuhren die Wagen der im Frühjahr wiederkehrenden Vegetationsgöttin. Im Herbst ging es auf gleichem Wege zurück in die Unterwelt, ins Totenreich. Für die Germanen war das der „Hellweg“, der Weg ins Totenreich zur Frau Holle (= Vegetationsgöttin). Sie war die Helle, Lichte, die die Toten in der Anderswelt empfing. Die Ahnen waren im Leben der Germanen (und in allen anderen Kulturen auch) ein wichtiger Bestandteil des Lebens, die Verbindung zu Ihnen durfte nicht abbrechen. So betrachteten sie den Breitwegerich als Wiederverkörperung der Seelen ihrer Ahnen, nachdem sie über den Hellweg in die Unterwelt eingetreten waren. In Form des Wegerichs mit seinen Heilkräften standen die Ahnen auf diesem Wege hilfreich zur Seite.

Ein anderes Verständnis für die Bedeutung des Wegerich finden wir über seine uralte Zuordnung zu Merkur, dem Gott mit den geflügelten Schuhen. Er ist der Herr aller Wege und Straßen (auch die in die Unterwelt), und gleichzeitig auch der Heiler unter den Göttern. Zu erkennen an dem von Schlangen umwundenen Heroldsstab, dem Symbol der Ärzte. Trägt aber eben auch Reisehut und die geflügelten Schuhe. Er ist der Reisende und Botschafter zwischen der diesseitigen und der jenseitigen Welt. Als Heiler kann er die am Rande des Todes Schwebenden zurück ins Leben bringen (wie auch der Wegerich).

Der Wegerich drückt das Thema des Grenzüberschreitens / Grenzenbewahrens in jeder Hinsicht aus:
- Zuordnung zu Merkur, dem Grenzgänger zwischen Leben und Tod, dem Hüter der Grenzen, die ja auch meist Wege sind
- Der muskelartige Charakter den Spitzwegerichblätter deutet auf die Fähigkeit zur Bewegung hin. Der Begriff Emotion bedeutet „in Bewegung sein“ oder „in Bewegung setzen“. Mit Hilfe unserer Muskeln drücken wir unsere Emotionen aus. Mit Hilfe der Muskeln überschreiten wir unsere Grenzen, physische wie seelische, was zur Stärkung unserer körperlichen und geistig-seelischen Muskeln führt.
- Körperlich wirkt der Wegerich vor allem auf unsere Grenzen. Diese Grenzen werden von unserer Haut und den Schleimhäuten repräsentiert.

Aus diesem Blickwinkel wollen wir den Wegerich zuletzt noch etwas genauer betrachten:
- blutstillend bei Blutungen aller Art (innerliche und äußerliche), wundheilend
- entzündungshemmend, natürliches Antibiotikum, bei chronisch entzündlichen Erkrankungen
- antiviral
- unterstützt das Immunsystem, unsere Abwehr gegen äußere Erreger, die unsere Grenzen überschreiten wollen
- fiebersenkend
- unterstützend bei Krebserkrankungen, zytotoxisch gegen Tumorzellen, auch vorbeugend
- antioxidativ (Radikalfänger)
- eine unserer größten Lungenheilpflanzen
- in seiner Wirkung auf die Leber ist er der Mariendistel vergleichbar, aber viel einfacher zu handhaben

Also: tun wir es einfach. Er lässt sich in jeder Form zubereiten, ob als Teeaufguss, Tinktur oder Wildgemüse im Salat oder in der Suppe oder…. In früheren Zeiten war er Bestandteil fast jeder Salbenzubereitung. Quasi ein Universalspezifikum!!!

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2009-04-16

Brennnesseldoping - Heilpflanzenkolumne (Teil 3)

Nachlese Kräuterspaziergang vom 04. April 2009

Kulturgeschichtlich war die Brennnessel von großer Bedeutung, da sie zur Gewinnung von Fasern genutzt wurde, aus denen Seile, Schlingen, (Fischer-)Netze, Segel, Garne, feine und grobe Stoffe hergestellt wurden.
Es war eine schwierige und umständliche Arbeit, die fast ausschließlich Frauensache war. Die Frauen spannen in der dunklen Jahreszeit in ihren Stuben nicht nur das Garn, sondern plaudernd und scherzend auch am Schicksal, den Lebensfäden und -mustern der Hofgemeinschaft und Familie. Von Wergulu, wie die Nessel in einem angelsächsischen Kräutersegen aus dem 11. Jahrhundert genannt wird, leitet sich der Begriff Werg = Fasern ab.

Nachdem im 20. Jahrhundert die Herstellung von Nesselstoff vollkommen zum Erliegen gekommen ist, hat sich in den letzten Jahren eine Familie aus Lüchow darum bemüht, diese uralte Tradition wieder aufleben zu lassen. Heute kann man über das Stoffkontor Kranz in Lüchow feines und edles Nesseltuch beziehen.
Das Wort „Nessel“ geht zurück auf das indogermanische Urwort „ne“, was mehrere Bedeutungen mit sich bringt: nähen, nesteln (knüpfen, schnüren), Nestel (Band, Schnürriemen) und das altgermanische Wort nezze (Zwirn). Auch das Wort Nadel bezog sich zuerst einmal auf die stechenden Haare der Nessel.

Aufgrund ihrer Bewaffnung mit feinsten Nadeln, aus denen sie uns unerbittlich schlangen- und bienengiftähnliche Substanzen, Histamin und Ameisensäure unter die Haut spritzt, kann man sie getrost als Kriegerstaude bezeichnen. Mit einem Schlag befördert sie uns ins Hier und Jetzt, ins Dasein. Im „Sein“ sind wir alle, aber wirklich „da-“ und anwesend zu sein ist noch mal etwas anderes. So wie der Krieger und Soldat da-sein muss.

So wurde die Brennnessel von jeher von den alten Botanikern und Alchemisten dem Planetengott Mars zugeordnet. Mars ist der archetypische Krieger und Eroberer, rot und feurig sein Temperament. Die Nessel prahlt nicht mit Blütenpracht, verschwendet sich nicht in Farben, Düften oder Nektar. In strenger Selbstzucht, mit kerzengeradem, vierkantigem Stängel und geordneten, gegenständigen Blattpaaren kommt sie daher wie ein Soldat, mit Spitzen bewaffnet und in grüngrauer Feldtarnfarbe. So viel Männlichkeit zieht wiederum die spielerisch flatternden bunten Farben in Form von Schmetterlingen an, deren Raupen sich mit Vorliebe von den Blättern der Nessel ernähren.

Als Marspflanze ist die Brennnessel dem Element Eisen besonders zugetan, sie ist quasi darauf spezialisiert. Eisen als Baustein der roten Blutkörperchen (wieder die Marsfarbe) hilft, den lebensnotwendigen Sauerstoff zu transportieren und zu speichern. Wem es an diesem Marselement mangelt, der ist blass, lustlos, träge und schlapp. Ähnlich ergeht es willensschwachen Menschen, die sich schwer tun, „ihren irdischen Leib in Besitz zu nehmen“. Mit ihrem Eisen verleiht uns die Brennnessel eine unsichtbare Ritterrüstung, macht uns wach und geistesgegenwärtig.

Spannend ist nun, dass die Molekülstruktur des Hämoglobins (dem roten Blutfarbstoff) identisch ist mit der des Chlorophylls (dem Blattgrün, das die Sonnenenergie auffängt). Der einziger Unterschied besteht darin, dass das Hämoglobin in seiner Mitte ein Eisenatom hat, das Chlorophyll dagegen ein Magnesiumatom.
Das Blattgrün ist quasi ein Spiegelbild des roten Blutfarbstoffes. Rot ist die Komplementärfarbe zu Grün. Das Grün sondert den Sauerstoff ab, den das Rot aufnimmt. Das Grün atmet den Kohlenstoff ein, den das Rot absondert.
Um nicht bleichsüchtig zu werden, besitzen die Pflanzen an anderer Stelle Eisen. So wie tierische Organismen ohne Magnesium nicht existieren können.
Unsere Brennnessel hat nun so viel von dem Marselement Eisen und dazu noch in ihren Nadeln Gifte ähnlich denen von Ameisen und Bienen, dass sie fast etwas Tierhaftes an sich hat. Dieses Eisen und diese Gifte wirken auf uns bewusst machend, helfen uns, ins Dasein zu treten.
Als Ausgleich und Gegenmittel zu diesen tierhaften Elementen gibt sich die Brennnessel in besonderem Maße der Produktion von Chlorophyll = Blattgrün hin. Aufgrund dessen wird sie industriell zu Herstellung von Nahrungsmittelfarbe, z.B. in Zahnpasta und Mundwasser verwendet.

Nun ist es nicht mehr schwer zu erraten, was diese einst heilige und in hohen Ehren gehaltene Pflanze für uns an Schätzen bereithält:

Als Hauptbestandteil der Neunkräutersuppe – nach der Christianisierung Gründonnerstagssuppe – bringt sie die Säfte ins Fließen, leitet die Schlacken des Winters aus, entsäuert das Blut, reinigt und erneuert es, tonisiert und vitalisiert bei Blutarmut und Erschöpfung, kurz: sie erlöst uns aus der Winterstarre, reinigt uns von Altem, Überfälligem, von Aggressionen und gestauten Gefühlen und gibt uns ein gesundes Selbstwertgefühl.
Mit der Vitalität und Lebenskraft dieses frischen Grüns können Südfrüchte, Solarien und Vitaminpillen nicht mithalten…

Die Samen der Brennnessel sind das Immun- und Vitaltonikum schlechthin. Wir haben die Wahl zwischen dem teuren importierten Ginseng und der Brennnessel, die uns draußen auf Schritt und Tritt zu verfolgen scheint (und gelegentlich unsanft auf sich aufmerksam macht). In den mittelalterlichen Klöstern waren Brennnesselsamen strikt verboten.


In unserer allerköstlichsten grünen Soße wurden folgende Frühlingsboten aus der Herschberger Gemarkung verwendet:

Brennnessel (blanchiert)
Giersch / Geisskraut
Schabockskraut
Sauerampfer
Spitzwegerich
Löwenzahn
Brunnenkresse
Vogelmiere
Gundermann (wenig)

Auf unserem Spaziergang sind uns weiterhin begegnet:

Karde, Schafgarbe, Taubnessel, Rainfarn, Beifuß, Goldrute, Ackerschachtelhalm, Storchenschnabel…

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2009-02-18

Geschichtliche Entwicklung der Pflanzenheilkunde Teil 2

Nach dem kurzen Abriss über die geschichtliche Entwicklung der Pflanzenheilkunde im vorhergehenden Kapitel ist heute ein erster Blick darauf Thema, warum die bewusste Rückkehr zu unserer heimischen Flora ein unabdingbarer Schritt in der Weiterentwicklung der Menschheit sein wird .
Die chemische Pharmakologie fand in der durch die Entdeckung Amerikas als Mitbringsel eingeschleppten Geschlechtskrankheit Syphilis ihre Geburtsstunde. Die erste Welle dieser Epidemie verlief tödlich. Die Menschen der Alten Welt besaßen noch keine inneren Abwehrkräfte gegen diese Erreger, die sogenannten Spirochäten. So wie die Indianer bisher noch nicht mit „unseren“ einfachen Infektionskrankheiten in Berührung gekommen waren und durch Grippe und Kinderkrankheiten hinweggerafft wurden.
Die reichen Europäer, die erfolglos verschiedenen europäische Kuren versucht hatten, ließen sich in der Neuen Welt von Schamaninnen erfolgreich kurieren. Die dabei verwendeten Pflanzen wurden natürlich gleich als Verkaufsschlager nach Europa eingeführt. Nur der Erfolg blieb dauerhaft aus. Die Europäer hatten einfach den übrigen Kontext der Heilpflanzenanwendung außer Acht gelassen und nur auf die Substanz geschaut. Fasten oder besondere Diätanweisungen, Enthaltsamkeit und Abstinenz, täglich heiße Schwitzbäder in Verbindung mit den entsprechenden Pflanzenzubereitungen töteten tatsächlich die Syphiliserreger ab. Doch den europäischen Ärzten war diese Kur zu aufwändig. Deshalb wandten sie sich hilfesuchend den mineralischen Mitteln der arabischen, alchemistischen Tradition zu. Damit läuteten sie das Zeitalter der Chemotherapie ein. Salbenzubereitungen mit giftigem Quecksilber wurden im Kampf gegen die Seuche ein probates Mittel. „Wurzelkram“ wurde unmodern und verachtet. Unter der anerkannten Ärzteschaft war das ehemals intuitive, hellsichtige Wissen der einstigen Kräuterheiler längst abhanden gekommen. Die Quecksilberkuren der Quacksalber hatten einerseits Erfolg gegen die Erreger, doch die Gefahr, dass der Wirt gleich mit umgebracht wurde, war nicht unerheblich. Zumindest war in der Regel das Immunsystem zeitlebens soweit geschwächt, dass das Einkommen der Ärzte weiterhin gesichert war. In der damals modernen Heilkunde war Quecksilber eine Wunderdroge ersten Ranges und wurde zur Heilung aller möglichen Leiden herangezogen. Die drastischen Nebenwirkungen und Vergiftungserscheinungen wurden als notwendiges Übel in Kauf genommen. Die letzten Ausläufer dieser Art von schleichender Vergiftung der westlichen Welt finden wir heute noch in Zusätzen zu Impfungen, in verseuchten Meeresfrüchten und in den Quecksilberamalgamfüllungen der Zähne.
Die neue Seuche und ihre Erreger, die Spirochäten, und noch mehr ihre Behandlung lösten demnach einen tiefgreifenden Kulturwandel aus. Betroffen waren nicht nur Soldaten und Dirnen. Die Seuche breitete sich über alle Schichten aus und verschonte auch nicht die Elite, die geistlichen und weltlichen Herrscher. Die Entstellungen durch die Seuche und die körperlichen Nebenwirkungen der Quecksilbervergiftung veränderten die Mode. Schminke und Perücke mussten her. Das Benehmen, die Umgangsformen, die Tischmanieren, das Mobiliar wurden den Befindlichkeiten angepasst. Die Menschheit wurde zivilisiert („syphilisiert“), das heißt, das Leben wurde distanzierter, kühler. Das Bewusstsein rutschte vom warmen, innigen Herzen nach oben zum kühlen Kopf. Aus Angst vor der „rohen“ Natur entstand gekünsteltes Benehmen. Verachtung zollte man den „primitiven“ Bauern, die sich die Ärzte natürlich nicht leisten konnten und bei ihrer altüberlieferten Volksheilkunde blieben und obendrein auch noch so unverschämt gesund aussahen.
Im Laufe der Zeit passte sich das Immunsystem der Syphilis mehr und mehr an, der Krankheitsverlauf schwächte sich ab. Ende des 19. Jahrhunderts galt sie nur noch als Kavalierskrankheit. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wähnte man sie dank der Entdeckung des Penizillins endgültig ausgerottet.
Ausrotten? Vorübergehendes Verdrängen aus der materiellen Ebene, ja, aber auslöschen: nein! Krankheitserreger sind materieller Ausdruck geistiger Archetypen.
Die Weltgesundheitsorganisation meldet 12 Millionen neue Syphilisfälle jährlich. Auch andere Infektionskrankheiten kommen zurück. Die Erreger der Syphilis, die sogenannten Spirochäten, beglücken uns mit einer neuen Gattung ihrer Art: die Borrelien. Die neue „Seuche“ Borreliose hat uns mittlerweile auch schon fest im Griff. Fragen tauchen auf: Wird sie wie ihre Schwester die Syphilis einen derartigen Kultur- und Bewusstseinswandel auslösen? Läutet sie das Ende des Antibiotikazeitalters ein? Befreit sie die Menschheit vom Wahntraum eines krankheitsfreien Daseins? Sicher wird sie ein Aufruf zur Vertiefung unseres Wesens sein. Höchste Zeit, zu den Heilpflanzen zurückzukehren. Sie warten darauf, uns auf diesem Weg zu begleiten…

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2009-02-17

Geschichtliche Entwicklung der Pflanzenheilkunde Teil 1

Die Heilkräuter sind die ältesten und universalsten Heilmittel der Menschheit. Trotz Pharmaindustrie verwenden sie heute weltweit gut zwei Drittel der Menschen zur Vorbeugung, Linderung oder Heilung. Selbst der überwiegende Teil unserer westlichen Arzneien stammt von den Pflanzen oder ist synthetisch nachgebildet.
Aber wie begann die Geschichte der Kräuterheilkunde? Aufgrund von Funden, die ca. 65 000 Jahre alt sind, liegt der Verdacht nahe, dass unsere Vorfahren, die Neandertaler, die Fähigkeit besessen haben müssen, instinktiv heilende Kräuter zu erkennen. Die Pollenanalyse vom Boden eines Grabes im Irak ergab, dass damals in der alten Steinzeit Büschel mit Heilkräutern als Grabbeigabe üblich gewesen sein müssen. Und zwar von Heilkräuter, die auch heute noch in traditionellen Kulturen (auch der unseren) Anwendung finden. Erste schriftliche Überlieferungen fand man, die etwa aus dem 3. Jahrtausend v.Chr. stammen. Zur Zeit der Aufzeichnungen ägyptischer Priester etwa 2400 v.Chr. war die Pflanzenheilkunde schon uralt. Es gab sie in allen Kulturen und wurde von jeher mündlich überliefert.

Zur ersten einschneidenden Veränderung kam es mit dem Auftreten christlicher Missionare. Plötzlich sollten die bis dahin für das gesundheitliche Wohlergehen des Stammes zuständigen heidnischen Heilpriester und Schamanen und ihre Kräuter des Teufels sein. Aus Sicht der Missionare waren sie jetzt natürlich ihre Rivalen. Es ging um Macht. Und diese wurde auch mit (un?)christlichen Mitteln durchgesetzt, da das Volk weiterhin zu seinen Wurzelseppen und Kräuterweiblein ging. Die Verbrennungen während der Inquisition führten schließlich zu einer ernsten Bedrohung der alten Überlieferungen. Die hauptsächlich Betroffenen waren die wahren Kräuterkenner.
Den nächsten Stoß erlitt die Kräuterheilkunde mit der Aufklärung. Die chemischen Mittel mit ihren Nebenwirkungen traten auf den Plan und verdrängten die letzten Reste des alten Kräuterheilwissens hinter Kirchen- und Klostermauern. Von dort aus ging der Kampf gegen den aufklärerischen Kahlschlag weiter.
Spätestens seitdem entwickelte sich eine gekünstelte Zivilisation, die sich immer weiter von einer naturnahen und naturverbundenen Lebensweise entfernte. Die Angst vor der Natur und ihren Geschöpfen nahm zu, auch unter den Ärzten. Die Ärzte vergaßen ihre ehemals besten Verbündeten, die Heilkräuter. Die alten Ärzte waren bis dato vor allem Kräuterheiler gewesen, quasi die ersten Botaniker. Je weniger die aufgeklärte, kultivierte Wissenschaft durch Beobachtung natürlicher Abläufe geführt wurde, desto mehr Spott und Verachtung häufte sich über die einfachen, oft hellsichtigen Menschen und ihre Heilkräuter, die sie bis dahin den Ärzten gebracht hatten. Diese Konkurrenz galt es mit allen Mitteln auszuschalten bis hin zu juristischen Verboten.
Und heute? Die eine Seite ist noch immer überzeugt, die Pflanzenheilkunde ist ein altmodischer Aberglaube. Diese Betrachtungsweise entspringt der materialistisch-reduktionistischen Betrachtungsweise, der wir uns als westliche Zivilisation vollkommen verschrieben haben. Und wird „natürlich“ unterstützt von einer Pharmaindustrie, die mit ihren kommerziellen Interessen jährlich mehrere hundert Milliarden Dollar umsetzt.

Die „andere Seite“ nehmen wir nächste Woche genauer unter die Lupe…

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